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Angsterkrankung
Angsterkrankung als
Verlust von Gegenwärtigkeit und Verbundenheit mit dem Leben
Angsterkrankung als Selbst- und Weltverlust
Was geschieht, wenn mein Leben
von einer
Angsterkrankung bestimmt wird, wenn sich Angst auf körperlicher, emotionaler und
geistiger Ebene als Symptom zeigt und all das, was gerade noch
selbstverständlich war, plötzlich als unüberwindbare Herausforderung erscheint?
Mein Körper, der gerade noch so
selbstverständlich funktionierte, scheint sich in seinen Reaktionen zu
verselbständigen, ohne dass mir die Gründe dafür verständlich sind. Die Angst
lässt mich unruhig werden, zittern und nimmt mir den Atem. Die Knie werden
weich, mich schwindelt und der Boden scheint nicht mehr zu tragen. Es scheint,
als wäre ich nicht mehr mein Körper, sondern als stände mein Körper mir fremd
und feindlich gegenüber.
Eine fremde Welt, die sich
meinem Verstehen und meiner Kontrolle entzieht, eine Welt, die nicht mehr meine
ist. Meine Angsterkrankung lässt das Leben vor meinen Augen größer werden als ich ertragen
kann. Was gerade noch überschaubar war, nimmt in der Angsterkrankung Dimensionen an, die
mein Verstehen übersteigen. Mein Verstand verlässt in der Angsterkrankung seine bislang so
geordnet erscheinenden Bahnen, wie ein Fluss, der in der Regenzeit über die Ufer
tritt und alles unter seinen schlammigen Fluten erstickt. Nicht mehr Ich denke,
sondern eine größere Macht als ich mir je vorstellen konnte beschleunigt meinen
Gedankenfluss und hinterlässt ein Gefühl von Chaos und Orientierungslosigkeit.
Hatte ich nicht gerade noch
wohlgeordnete Pläne, wie das Leben sich vor meinen Augen ausbreiten würde,
beherrschbar und gesteuert von meinen Absichten? In der Angsterkrankung scheint sich das
Leben zu weiten bis zum Verlust beherrschbarer Dimensionen, während ich mich
gleichzeitig in der Hoffnung auf Kontrolle und einen stabilen Standpunkt auf
einen immer enger werdenden Raum beschränke. Wer bin ich jetzt? Hatte ich mich
nicht gerade noch gehabt und geglaubt, mich zu verstehen? Die Angsterkrankung lässt mich
vergessen, wer ich bin. Momente der Einsamkeit, der Leere und des
Selbstverlustes erscheinen mir wie Äonen. Meine Angsterkrankung lässt das Leben als
Drahtseilakt erscheinen, allein über einem unüberwindbaren Abgrund. Schließlich
lässt meine Angsterkrankung jede lebendige Bewegung des Lebens zum Problem werden. In der
Angsterkrankung verliert sich ein grundlegendes Vertrauen zum Leben und seinen Kräften.
Angsterkrankung - Leben und Selbst als Bewegung
Wie kann ich nun diese Angst beherrschen und den Fluss meines
Lebens wieder in kontrollierte Bahnen lenken? Wie kann ich in der
Angsterkrankung die
Stabilität und Sicherheit meines Ichs wiedergewinnen? Bräuchte ich nicht nur
einen festen Standpunkt, ein unbezweifelbares Wissen, eine unüberwindliche
Stärke, um meine Welt wieder zu einer uneinnehmbaren Festung zu machen?
Vielleicht. Nur, wie kann ich diese Fragen beantworten, wenn ich nicht weiß, wer
Ich bin und was das Leben ist?
Wer bin ich also und was ist das Leben? Diese Frage zielt in
eine grundsätzlich andere Richtung als Versuche, das Leben und das eigene Selbst
zu kontrollieren und in den Griff zu bekommen, nämlich die des Verstehens und
des bewussten Gegenwärtig-Seins. Der Einwand, dieses Vorgehen sei passiv und
führe nicht zu einer Veränderung und Bewältigung von Angst, ist, soviel sei
vorweggenommen, an dieser Stelle häufig genug der Ausdruck einer tief
verwurzelten Angsterkrankung, keine Kontrolle über das Leben zu gewinnen und das Ich als
Sicherheit spendende Instanz zu verlieren.
Leben ist unablässige Bewegung, von unzähligen Faktoren
beeinflusst. Leben ist Wachstum und Entwicklung aber auch Degeneration und Tod.
Leben unterliegt planender Gestaltung und Ordnung aber auch chaotischer
Bewegung, die uns auf dem falschen Fuß erwischt. Wir leben ständig zwischen
Polaritäten, die uns heute wohl gesonnen und morgen als Ausdruck eines zynischen
Schicksals erscheinen. Leben ist nicht dies und nicht das, sondern immer beides
in ständig neuen Synthesen, neuen Verknüpfungen, die sich wie im Tanz wieder
lösen und auf neue Weise zusammenfügen.
Leben ist daher vor allem Bewegung und Veränderung. Bewegung,
die vielleicht in kurzen Momenten innezuhalten scheint, ohne dass sich je einer
dieser Momente festhalten und konservieren ließe. So ist auch dieses in jedem
Moment fest gefügt erscheinende Ich dem Fluss des Lebens unterworfen und damit
nicht der Fels in der Brandung, als der es uns manchmal erscheinen will, sondern
eher ein Tanz, ein Fluss, eine Bewegung des Geistes. Angst erscheint so als eine
Unterbrechung des Lebensflusses, als ein sich dem Leben entgegenstellender
Versuch, die Illusion von etwas festem, alle Stürme überdauernden, endgültige
Sicherheit bietendem aufrecht zu erhalten. Und so verschafft sich das Ich, das
es vor einer Weile noch nicht gab und in einer Weile schon nicht mehr geben
wird, eine Geschichte, die es gewissermaßen als Schatz hortet und archiviert und
daraus eine Vorstellung seiner Zukunft generiert. Auf diese Weise reproduziert
sich das Ich ständig aus Archivmaterial während die Verbindung zum lebendigen
Leben verloren geht. Taucht in diesem Verlust die Angst auf, erscheint uns dies
als Einbruch in die sichere Festung und wir geraten in Panik.
Angsterkrankung als Heilung
Ist Angst aber nicht vielleicht oft genug ein Ausdruck der
Sehnsucht des Lebens nach sich selbst? Ein Versuch des Lebens selber, sich
wieder zurückzugewinnen, sich zu verflüssigen und wieder in Bewegung zu geraten?
Der Versuch, die Angsterkrankung in den Griff zu bekommen und zu beherrschen, würde dann
nur dem weiteren Schutz vor dem letztlich ungreifbaren und sich unserem
Verstehen immer wieder entziehenden Leben dienen und ein Ich nähren, das zu
seiner Rettung bereit ist, alles zu unternehmen, in letzter Konsequenz das Leben
zu zerstören.
Könnte es uns aus diesem Verstehen heraus nicht gelingen, die
Angst als ein Symptom der Krankheit eines stockenden Lebens und dessen Versuch,
sich wieder zu befreien, zu begreifen? Würde dies nicht auch bedeuten, die Angst
keinesfalls abzulehnen sondern sich ihr als einem Vorboten kommenden Gutes
hinzugeben? Würde es nicht auch bedeuten, auf die Angst nicht aus dem Ich
schreckhaft und panisch zu reagieren, sondern ihr aus der Sehnsucht nach dem
Leben heraus zu antworten und sie gewissermaßen als einen Ausbruchshelfer
willkommen zu heißen?
Lassen wir also die Angst ihre Arbeit tun. Unsere Arbeit mag
darin bestehen, der Angst als einer sinnvollen Kraft des Lebens zu vertrauen und
die Angst vor der Angst als eine Angst vor dem Leben zu erkennen. Was bleibt,
ist das Risiko, die Taue zu lösen und uns wieder der Weite und dem Abenteuer des
unendlichen Meeres zu überlassen. Nur dort begegnet uns das Leben in reiner
Gegenwärtigkeit.
Mit den besten Wünschen für Ihre Gesundheit
Ihr Reinhart Wagener
Psychotherapeut
der Psychosomatik Abteilung (PTH) 2

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Aktualisiert:
Juni 2010
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